Mindestens einmal im Jahr muss ich nach Frankreich reisen. 2011 habe ich das erst auf den letzten Drücker geschafft, aber ich war wieder da und habe mir einen Wunsch erfüllt: Reims. Zunächst ein kurzes "Bonjour Paris", ganz entspannt, ganz befreit, ganz genussvoll. Es ist einfach ein aufregendes Gefühl, alte Plätze wieder zu entdecken. Die Erinnerungen sind da, der Blick ist zuweilen ein anderer, ein neuer, ein frischer. Derart beschwingt stieg ich dann in den Zug in die Champagne.
Seit ich zu Schulzeiten dort eine Brieffreundin hatte, wollte ich mir diese Stadt ansehen. Sie erzählte mir viel über ihre Heimatstadt und schwärmte mir besonders von der wundervollen Kathedrale vor. Mit den köstlichen Getränken verband ich damals nur eine Ahnung, aber keine Geschmacksempfindung.
Diese Freundschaft ging in die Brüche, eine andere begann in diesem Frühjahr. In Berlin, wo diese bezaubernde Französin ein Praktikum absolvierte. Nach Paris verschlug sie ihre Profession schließlich nicht, sie wurde "Rémoise" und lud mich ein, sie zu besuchen. Was ich mit Freuden tat.
Mein erstes Besichtigungsziel war natürlich die Kathedrale, eines der berühmtesten gotischen Kirchenbauwerke in Frankreich. Allein an der Fassade - noch heute gezeichnet von den Beschädigungen aus dem Ersten Weltkrieg - hätte ich mich stundenlang sattsehen können, wenn es denn nicht so kalt gewesen wäre. Den "Ange au sourire" (auf dem oberen Bild links unten) habe ich deshalb auch erst bei meinem zweiten Spaziergang entdeckt und betrachtet.
Diese Statue ist für die Stadt Reims ein wichtiges Symbol. Nach einem Beschuss durch die deutsche Artillerie zu Beginn des Ersten Weltkrieges geriet der Dachstuhl in Brand. Ein herabstürzender Balken riss der Figur den Kopf ab, der in den Kellern des Erzbistums aufbewahrt und ein Jahr später wiederentdeckt wurde. Er wurde zu einem Bild der französischen Anti-Kriegspropaganda. 1926 schließlich nahm der Engel restauriert wieder seinen ursprünglichen Platz ein.
In einer Vorgängerkirche der heutigen Kathedrale von Reims wurde kurz vor 500 n.Chr. Geschichte geschrieben: Chlodwig I., der Begründer des Frankenreiches und von einigen als Begründer der französischen Nation angesehen, ließ sich hier katholisch taufen. Die Kathedrale, wie wir sie heute kennen, wurde vom 12. bis ins 15. Jahrhundert erbaut und war über Jahrhunderte das Gotteshaus, in dem die Könige Frankreichs gekrönt wurden.
Aber was wäre ein Besuch in Reims ohne eine Führung durch einen der vielen Champagner-Keller? Genau. Nicht vollkommen. Meine Freundin befragte Alteingesessene und buchte für uns eine Führung in den Kellern von Pommery. Etwas am Rande der Stadt gelegen und umgeben von berühmten Namen wie Ruinart oder Heidsieck, geht es nach einer kurzen Einführung in einer nicht gerade kleinen Gruppe hinab in die Heiligtümer: die Keller.
Den eigentlichen Aufschwung nahm das Champagnerhaus erst unter der Führung der Witwe des Eigentümers. Ein nicht so einmaliges Ereignis, man denke nur an die Veuve Clicquot-Ponsardin. Jedenfalls steigerte Louise Pommery Produktion und Absatz ihres Champagners um ein Vielfaches, eroberte neue Märkte, ließ nach den verschiedenen Geschmäckern der Abnehmerregionen eigene Champagnersorten entwickeln. Eine Revolution für damalige Verhältnisse.
In den Kellern ist das noch immer erkennbar: die jeweiligen Abteilungen sind nach den Namen der Abnehmerregionen und -städte benannt. Berlin konnte ich allerdings nicht entdecken, ob die Preußen lieber einheimischen Sekt bevorzugten? Möglicherweise kam ich mit der Führung nur nicht an den entsprechenden Kellern vorbei.
Auf Schritt und Tritt begegneten wir moderner Kunst. Manch ein Führungsteilnehmer zeigte sich davon irritiert bis genervt, meine Freundin und ich waren hingegen erheitert bis begeistert. Auch wenn wir nicht viel über die Ausstellung und die einzelnen Werke erfuhren, lockerte es die bisweilen etwas düstere Atmosphäre auf. Erschwerte mir aber zugleich, den Erzählungen unseres versierten Champagnerführers zu folgen. Entweder kam ich akkustisch nicht mit oder lauftechnisch. Ich hinkte hinterher, wollte ich doch so viel wie möglich in mich aufsaugen - Geschichte und Moderne.
Die Führung endete natürlich bei einer kleinen Champagner-Verkostung. Ein Hochgenuss! Etwas überschwänglich wünschte ich mir eine Badewanne bis zum Rand gefüllt mit diesem edlen Getränk. Naja, besser nicht. Das sorgt nur für missgünstige Schlagzeilen ...
Kennt ihr die berühmten Biscuits roses de Reims? In Berlin kann man sie in den Galeries Lafayette kaufen. Fossier hat in der Altstadt ein kleines, zur Weihnachtszeit hoffnungslos überfülltes Ladengeschäft. Und siehe da, sie bieten noch allerhand andere Köstlichkeiten feil wie Meringues, Macarons, Pralinen ... Verführerisch. Mich verführte es zu Investitionen in Mitbringsel und Weihnachtsgeschenke.
Wer hätte es gedacht? Nach der mich immer wieder in Frankreich übermannenden Enttäuschung in Sachen Weihnachtsatmosphäre wurde ich in Reims überrascht: Ein Weihnachtsmarkt. Ein echter! Mit allem Drum und Dran. Eisenbahn, Père Noel und Wunschzettelbriefkasten inklusive. Na bitte, es geht doch.
Derart weihnachtlich eingestimmt konnte ich beruhigt nach Hause reisen. Merci beaucoup, mes chers amis rémois! Je vous embrasse.









