31. März 2010

Klassiker mit Anziehungskraft

Verabredet waren wir ursprünglich auf eine Pho. Jedoch der Hunger zu groß, der Fußmarsch zu lang, eine auf unserem Weg liegende Institution zu verlockend. Also ließen wir uns beirren und kehrten kurzentschlossen im Aroma in der Kantstraße ein. Schon eine ganze Weile schlichen wir an diesem Charlottenburger Klassiker der chinesischen Küche vorbei, angemessen beeindruckt von der stets großen Gästeschar aus dem Reich der Mitte. Worauf warteten wir bloß? Auf die passende Gelegenheit. Auf kaltes, fieses Winterwetter. Auf gesegneten Appetit. Oder was auch immer.

Zu behaupten, all dies hätte es in den letzten Wochen und Monaten nicht gegeben, wäre glatt gelogen. Manchmal ist die Zeit einfach nicht reif. Heute war sie es. Vorbei am obligatorischen Aquarium - hier allerdings in fast schon minimalistischer Ausführung - standen wir im Restaurant und erhielten sofort einen Tisch zugewiesen. Die Einrichtung sticht nicht besonders heraus, gerade so, wie wir sie aus diversen chinesischen Lokalitäten der Republik kennen. Modern ist anders. Aber so wird sie von einer gewissen Unaufdringlichkeit beherrscht, was wir durchaus zu schätzen wissen. Denn wir fühlten uns wohl. Und das Essen spielt die Hauptrolle.

Von der zuvorkommenden Bedienung, durchgehend Herren abgesehen von der Dame hinter'm Tresen, wurden wir vor eine uns nicht unbekannte Herausforderung gestellt: "Oh je, was soll ich essen? Ich kann mich nicht entscheiden!" Schmale Karten sind uns in chinesischen Restaurants noch nicht begegnet, das Aroma reiht sich nahtlos in unseren Erfahrungsschatz ein. Hervorzuheben ist die reiche Auswahl an kantonesischen Speisen. Die Qual der Wahl behoben wir bezaubernd simpel, indem wir alles, wirklich alles teilten.

Der Chrysanthemen-Tee kam in einer großen Kanne, deren Schnäuzchen mit einer putzigen Einschenkhilfe-Tropfenfänger-Konstruktion, einem aufgestülpten durchsichtigen Schlauchstück, ausgestattet war. Als wir ihn ausgetrunken hatten, wurde sofort heißes Wasser nachgeschenkt. Sehr aufmerksam! Die gemischte Vorspeisenplatte bestand aus Frühlingsröllchen, frittierten Wantan und Samosas und schmeckte uns vorzüglich. Mit Dim Sums hatten wir zwar geliebäugelt, uns angesichts der längeren Wartezeit dagegen entschieden. Schließlich trieb uns großer Hunger hierher, der selbstredend furchtbar ungeduldig macht. In Null-Komma-Nichts stand schließlich unser Hauptgericht auf der Warmhalteplatte: knusprig gebratene Ente, dazu Rindfleisch, Schweinefleisch, Hühnchen und Garnelen. Erstaunt waren wir, dass diese doch sehr verschiedenen Beilagen in derselben Art zubereitet waren. Kunstvoll in Schichten übereinander gestapelt, umrundet von den butterzarten Garnelen, gekrönt von einer knusprig-saftigen Entenbrust. Gemüse, Pilze und Reis komplettierten das Mahl, das wir beliebig um diverse Beilagen hätten erweitern können. Natürlich war auf der Platte genug für Drei, weshalb wir das Angebot, uns den Rest einzupacken, als überaus zuvorkommend empfanden.

Angesichts des erreichten Sättigungsgrades - runder geht es kaum - verschoben wir das Dessert auf einen nächsten Besuch und rollten nach Hause. Ein unaufgeregter Abend in einem unaufgeregten Restaurant. Das passt.

Wohin: Restaurant Aroma. Kantstraße 35.


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15. März 2010

Frei nach Shakespeare?

Nicht nur Schokozwerg stellte sich sicher diese Frage, als er von diesem vietnamesischen Lokal in der Leibnizstraße zum ersten Mal hörte. To be. Aha. To be or not to be? Stand etwa tatsächlich Hamlet bei der Namensgebung Pate? Mitnichten. TuBi, so die korrekte Schreibweise, fragt nicht nach dem Sinn des Lebens, sondern setzt sich - ganz profan - aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen des Inhabers zusammen.

Über den Sinn, warum es das TuBi gibt, braucht niemand zu grübeln, die Antwort liegt auf der Hand: um schmackhaftes Essen und angenehme Gastfreundschaft zu genießen! Beides bekommt man in der Leibnizstraße südlich der S-Bahn-Brücke. Gegenüber der Tankstelle gelegen, erkennt man es an den grünen Lampions am Vordach, die bei der derzeitigen Wetterlage schön im Winde baumeln und einen Farbtupfer in das spätwinterliche oder, optimistischer formuliert, vorfrühlingshafte graue Einerlei zaubern. Größere und teilweise mehrfarbig schillernde Exemplare lassen sich im Inneren bestaunen. Mit ihnen kontrastieren dezent geschmückte Wände, die in Terracotta- und Anthrazittönen gehalten sind. Die dunklen Holzmöbel verleihen den Räumen eine wohlige, aber gar nicht rustikale Atmosphäre.

Nyhet hat es bisher noch nicht geschafft, sich von den bisweilen etwas kecken, aber immer sehr freundlichen Kellnern bezirzen zu lassen. Schon mehrmals hingegen war Schokozwerg zu Gast, so auch unlängst an einem Samstagabend, als er spürte, dass Musikgenuss in der Philharmonie sehr hungrig macht. Also fiel er kurzerhand zu späterer Stunde im TuBi ein. Kein Problem.

Auf der Karte finden sich allerhand schmackhafte Speisen mit Reis oder Nudeln, Suppen, Salate, Gerichte für Vegetarier, Gerichte mit Rind, Huhn, Schwein, Ente und vielem anderem mehr. Die Fischpalette könnte größer sein, aber das ist auch der einzige Kritikpunkt. Alles frisch zubereitet, ansprechend drapiert und preislich absolut angemessen. Das alles reichte für eine Würdigung natürlich nicht aus, solange es nicht mundete. Und das tut es! Derzeitiger persönlicher Favorit des Schokozwergs ist der Grüne-Mango-Rindfleisch-Salat. Fruchtig säuerlich, das Fleisch noch warm und ganz zart, ein Gedicht.

Derart genießend lässt sich im TuBi ein schöner Abend verbringen. Irgendwann naht jedoch unweigerlich der Zeitpunkt aufzubrechen. Auf das Signal hin, bezahlen zu wollen, werden sofort Teller herangetragen. Moment, fährt es durch den Kopf, hatte ich noch etwas bestellt und es vergessen? Nein, das ist der kleine süße Abschiedsgruß aus der Küche: gebackene Banane mit Vanilleeis und Honigverzierung. In einer hölzernen Schale dampft ein feuchtes Tuch für die Hände. Gestärkt, erfrischt, gezahlt - ein Handshake mit dem Inhaber. Bis zum nächsten Mal!

Es lohnt sich, links und rechts der Kantstraße auf Entdeckungstour zu gehen. Dann stößt man auch auf grüne Lampions, die sich im Winde wiegen.

Wohin: TuBi. Leibnizstraße 62.

8. März 2010

Wo man Neuschwanstein zu Füßen sitzt ...

... ruft lockend die Vergangenheit. Ein Besuch im Café Konditorei Richter ist eine Reise dorthin. Man möchte meinen, in den Siebzigern hätte jemand mit den Fingern geschnippt und so der Zeit Einhalt geboten. Für uns junge Hüpfer natürlich umso aufregender, denn wir alle wissen, Retro ist derzeit sehr in Mode. Vielleicht erklärt das unsere Faszination. Eine feine Unterscheidung gilt es jedoch zu machen: Im Café Richter ist alles echt, hat alles die vielen Moden im Wandel der Zeit überdauert. Es ist sich treu geblieben und hat sich auf diese Weise Ursprünglichkeit und Charme bewahrt.

Vom Hindemithplatz aus hält man sich auf der Giesebrechtstraße links. Wer nicht schon im Mommseneck schwach wird, muss nur an der Croissanterie vorübergehen, bis ihn weiße Plastikmöbel vor großen Fenstern unter einer Markise begrüßen. Auf den ersten Blick etwas schrabbelig, zugegeben. Nur lasse man sich nicht täuschen! Im Sommer sitzt es sich dort sehr angenehm. Die Aussicht auf den Platz und in die Straße hinein ist hervorragend, nichts entgeht dem neugierig die Augen offen haltenden Beobachter. Sollte es um die klimatischen Verhältnisse einmal nicht so gut bestellt sein, empfehlen wir für den Blick nach draußen die Tische - alle stets mit weißem Tuch bedeckt - direkt hinter dem Fenster. Von diesen Logenplätzen aus eröffnet sich zugleich ein interessanter und bisweilen auch unterhaltsamer Blick ins Caféinnere. Auf die Retroeinrichtung, auf die Putten, auf die zahlreichen Besucher. Ja, hier herrscht Leben! Und was für eines! Eine bunte Mischung: junge Menschen, Familien, alleinstehende Damen und einsame Herren, ältere Herrschaften, echte Originale. Viel Stammpublikum, das wird schnell klar.

Je nach Tageszeit wird gefrühstückt, was wir beide hier allerdings noch nicht getan haben, oder ein Snack genossen, worüber wir uns ebenfalls kein Urteil erlauben dürfen. Denn wir waren bislang nur aus einem einzigen Grund hier, und der schmeckt köstlich süß. Kuchen, Torten, Gebäck! In den Vitrinen ist längst nicht alles ausgestellt. Wer groß genug ist, erblickt problemlos hinter der Theke weitere reich gefüllte Tortenplatten. Schokozwerg und Nyhet müssen sich dafür zwar immer etwas nach der Decke strecken, aber wir folgen dabei allein unseren Nasen. Es duftet gar wunderbar! Alles wird selbst und mit Liebe zubereitet, manchmal gar erhält man ein noch warmes Stück gedeckten Apfelkuchens.

Auch die anderen Kuchen sind nicht zu verachten: ob Himbeerkuchen, Tiramisutorte, Pflaumenkuchen, Stachelbeerbaisertorte oder etwas ganz anderes - Gedicht um Gedicht lädt mal die reizende russischstämmige Kellnerin, mal einer der netten Herren auf die Teller. Wer an Gewicht leichteres bevorzugt, sollte zu Florentinern, Herzkeksen, Blätterteig oder Petit Fours greifen. Dazu vor Ort am besten einen Tee, der Kaffee hat leider oft eher Blümchen-Charakter. Oder zu Hause nach eigenem Gusto brühen, können doch die Leckereien auch mitgenommen werden. Kurios: gezahlt wird grundsätzlich vorn an der Theke. Dann kann man auch gleich noch ein Stück für später mitnehmen.

Seit über 30 Jahren eine Institution in unserem Kiez und immer einen entspannten Nachmittag wert.

Wohin: Café Konditorei Richter. Giesebrechtstraße 22

Edit 22. Februar 2012: Das Café Horst Richter, die Café-Institution im Giesebrecht-Kiez, gibt es leider nicht mehr. Ein Verlust für alle Kaffee-und-Kuchen-Freunde, die auch das altmodische Ambiente zu schätzen wissen. Ganz zu schweigen von den herrlichen Torten und feinen Kuchen. Schade, schade, schade.

Uda wie? Uda was? Uda wo?

Udagawa.
Ein japanischer Imbiss.
Kantstraße 118/119.

Allerdings ist es kein leichtes Unterfangen, ihn auf Anhieb zu finden. Unsere Beschreibung lautet ungefähr so: "Vom S-Bahnhof Charlottenburg nach rechts, die Krumme Straße entlang bis zur Kreuzung Kantstraße. Dort wiederum nach rechts abbiegen, am Whirlpoolladen vorbei. Direkt daran anschließend. Wenn ihr vor dem Cascade steht, seid ihr einen Schritt zu weit." Und wir haben schon oft den Weg dorthin gewiesen. Meist leibhaftig, denn die Gelegenheit mitzukommen konnten wir uns partout nicht entgehen lassen.

Unscheinbar von außen, winzig anmutend, tritt man in einen wohl typisch japanischen Imbiss ein. Typisch nach Aussage einer Freundin, die das Land der aufgehenden Sonne bereist hat. Ein langer, schmaler, sich in das Gebäude hinein erstreckender Schlauch. Einen schnellen Happen kann man im vorderen Bereich einnehmen, hinten sitzt es sich geselliger. Rohe Holztische, einfache Holzbänke, kein Dekoschnickschnack zu viel. Alles sehr spartanisch, und trotzdem einladend. Wir blieben immer lange - und selten unter uns. Überwiegend japanische Gäste und Esser aus eher asiatischen Gefilden bevölkern das Udagawa. Woran nur mag es liegen, dass dieser Ort von den Langnasen bisher kaum entdeckt wurde?

Gut, er ist nicht hipp, nicht schick, nicht teuer, nicht rumorig, nicht cool, nicht weiträumig. Aber spricht nicht das alles gerade für ihn? Der gesamte Service verläuft unaufgeregt und unkompliziert. Immer freundlich und charmant, wozu wir auch die kleinen Sprachbarrieren zählen, die es hin und wieder zu überwinden gilt. Trotzdem: die Köstlichkeiten, die sich vor uns hungrigen Mäulern aufbauen, sind stets die von uns bestellten.

An einer langen Wand unweit des Eingangs die Speisekarte, die vor Üppigkeit und Vielfalt nur so strotzt. Nichts für entscheidungsschwache Mitmenschen, zu denen wir uns leider zählen müssen. Und wer denkt, Japanisch ist gleich Sushi, irrt gründlich. Köstliche Nudelsuppen, Lachs in Salzkruste, gebratenes Fleisch in Soße, diverse Tofugerichte und und und ... und nicht zu vergessen: Donburi. Was das ist? Reis, darauf z.B. gebratene Hühnchenstücke, Erbsen, gebratene Zwiebeln, Sojasoße, mit Ei übergossen, gestockt. Fertig. Köstlich! Ein echter Sattmacher, der im Udagawa gemeinsam mit Misosuppe und Oshinko aufgetafelt wird.

Eine besondere Empfehlung ist die eben erwähnte Misosuppe. Woanders gern eine dünne und kraftlose Plürre, manchmal gar einen muffigen Eindruck in der Nase hinterlassend, rümpfen viele bei ihrer Erwähnung selbige. Auch der Gedanke an Algen und Tofu wirkt dann nicht wirklich anregend oder gar zum Probieren ermutigend. Das ganze Gegenteil im Udagawa: aromatisch, leicht trüb, süffig, heiß, dezent würzig duftend - für uns der Beginn einer anhaltenden Gefolgschaft.

Eine absolute Entdeckung. Eine begeisterte Empfehlung.


Wohin: Udagawa. Kantstraße 118/119.

4. März 2010

Auftakt

Willkommen auf unserem neuen Blog! CharlottenBlog - was mag sich dahinter bloß verbergen? Schreibende Charlotten? Leckere Charlottes in allen Variationen, die vorstellbar oder auch unvorstellbar sind? Reiseempfehlungen in die Charlottes dieser Welt? Denkt jemand etwa an zwiebelige Wahr- und Weisheiten? Oder historische Reflexionen über berühmte Trägerinnen dieses Namens?

Weit gefehlt. Die Antwort liegt viel näher. Ganz nah vor allem für die Mitleser, die in Berlin zu Hause sind. So wie wir - Schokozwerg & nyhet.

Jeden Tag schlendern, hetzen, laufen, flanieren, promenieren, rennen, flitzen, stolpern oder bummeln wir durch unser Charlottenburg und entdecken auf unseren Wegen immer wieder allerlei Schönes, Neues, Bezauberndes, Interessantes, Verborgenes, Unscheinbares, Normales oder Ungewöhnliches.

Das ist das Charlottenburg, das wir meinen:

Photobucket

(alle Karten erstelle ich fortan mit Hilfe von Openstreetmap.org)


Nur: warum sollten wir das allein genießen? Also erzählen wir, geben Tipps und ernten oft erstaunte Antworten: "Ihr kennt euch ja gut aus! Dabei wohnt ihr doch noch gar nicht so lange hier!" Stimmt genau. Die Erklärung ist denkbar einfach: Wir sind begeistert und fühlen uns sehr wohl!

Deshalb wollen wir unsere Beobachtungen, Eindrücke, Erlebnisse festhalten und mit anderen, mit Euch teilen. Und zugleich auch selbst neue Ideen aufnehmen - wir sind und bleiben nun einmal furchtbar neugierig!

Viele unserer Impressionen sind kulinarischer Natur, Ihr werdet somit einiges über unsere Lieblingscafés, Lieblingsrestaurants und Lieblingsimbisse lesen können. Nicht nur das! Nette Neuentdeckungen, in denen wir schöne Momente bei Speis und Trank verbracht haben, dürfen natürlich nicht fehlen.

Sich allein auf Einkehrmöglichkeiten zu beschränken, wäre jedoch etwas einseitig. Charlottenburg besitzt viel mehr Reize! Sobald uns einer ins Auge sticht und nicht zu starke Schmerzen bereitet, soll er hier seinen Niederschlag finden. Wer nun einwendet, reizvoll und reizend seien auch die Bewohner - oder Bewohnerinnen, je nach Fokus der Betrachtenden -, hat vollkommen recht. Allein, sie sollen nicht den Mittelpunkt unserer Betrachtungen bilden.

Wir freuen uns sehr über Leser, und wir freuen uns auf Tipps, wo es etwas Schönes zu entdecken gibt. Habt Ihr so einen Schatz parat, den es zu heben und zu würdigen gilt? Dann gebt ihn uns bitte preis!

In neugieriger Vorfreude grüßen Euch

Schokozwerg & Nyhet